Interview mit Christa Spannbauer

                          Mehr über Christa Spannbauer erfährst du am Ende des Interviews.

Warum ist Self-care bzw. Selbstliebe aus deiner Sicht wichtig?


Selbstliebe ist der Ausgangspunkt jeder Liebe. Denn wie sollte es uns gelingen, andere Menschen wirklich und wahrhaftig zu lieben, solange wir uns selbst nicht annehmen und lieben können? Die meisten von uns tun sich jedoch schwer mit der Selbstliebe. Das hat meist mit Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zu tun, ist aber auch Bestandteil unseres christlichen Kulturkreises, in dem die Nächstenliebe von jeher einen hohen Stellenwert genießt, die Selbstliebe jedoch als Egoismus gebrandmarkt wurde.


Der neue Forschungsbereich des „Selbstmitgefühls“ zeigt hingegen ganz deutlich auf, dass wir nur dann für andere Menschen Mitgefühl empfinden können, wenn wir dieses auch für uns selbst haben. Je mehr wir lernen, uns selbst zu lieben, desto intensiver erfahren wir das Leben und desto wertvoller und schützenswerter erscheint uns die Welt. Je mehr es uns gelingt, mit uns selbst und unseren Schwächen fürsorglich und freundlich umzugehen, desto nachsichtiger und liebevoller können wir auch mit anderen Menschen umgehen. Die Selbstliebe ermöglicht uns die Erfahrung, dass wir mit allem um uns herum verbunden sind.  

 


Auch die Achtsamkeit ist im Alltag bedeutsam. wenn man z.B. achtsam isst, entwickelt man ein viel besseres gefühl, ob man Hunger oder lediglich Appetit hat. Könntest du uns mehr zur Bedeutung der Achtsamkeit im täglichen Leben sagen?

Die Achtsamkeit bringt uns in Kontakt mit unserem Körper, unseren Gefühlen und unseren Gedanken. Wenn wir ehrlich sind, leben wir doch häufig neben unserem Körper her und nehmen seine Bedürfnisse gar nicht richtig wahr. In der Achtsamkeitspraxis wenden wir uns daher ganz bewusst unserem Körper zu und erforschen sanft und freundlich, was er brauchen und was ihm gut tun könnte. Hierfür gibt es die Übung des Body-Scans, eine geführte Meditation, die uns durch alle Bereiche unseres Körpers führt.


Diese können wir aber auch jederzeit selbst kurz durchführen, indem wir kurz innehalten, in unseren Körper hineinspüren und ihn fragen, was er jetzt gerade brauchen könnte. Dadurch kommen wir wieder in intensiven Kontakt mit unserem Körper, wir spüren Verspannungen und Schmerzen schneller auf und wissen, wann wir uns Ruhepausen nehmen müssen.


Wenn wir Achtsamkeit praktizieren, stellen wir auch fest, dass wir die meiste Zeit in Gedanken zerstreut sind und dass wir dadurch nicht im gegenwärtigen Moment leben. Entweder streunen unsere Gedanken durch die Vergangenheit und beschäftigen sich mit Dingen, die wir sowieso nicht mehr ändern können oder sie befassen sich mit der Zukunft, auf die wir letztlich doch keinen Einfluss haben. Bei all dem verpassen wir den gegenwärtigen Augenblick, in dem unser Leben stattfindet. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit daher ganz bewusst immer wieder auf das, was jetzt gerade geschieht. Intensivieren Sie Ihre Sinne und schauen Sie um sich, lauschen Sie, riechen, schmecken und spüren Sie das Leben!


Und vor allem: Erforschen Sie Ihre Gefühle! Sie sind es doch, die unser Leben reich und erfüllt machen. Allzu oft verpassen wir es in unserem geschäftigen Alltag, sie wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben.      

Wie können wir uns im Alltag gezielter eine Auszeit nehmen?

Wenn wir achtsam mit uns umgehen, können wir uns viele kleine Oasen der Ruhe im ganz normalen Trubel des Alltags schaffen. Immer dann, wenn wir merken, dass der Stress zunimmt, sollten wir erst einmal kurz innezuhalten und bewusst einige Male tief ein- und auszuatmen. Stehen Sie vom Schreibtisch auf, wenn Sie spüren, wie Sie durch den Arbeitsdruck verspannt sind, strecken und dehnen Sie sich oder schütteln Sie den Körper kurz aus. Nutzen Sie das Telefon als eine Art Achtsamkeitsglocke und atmen Sie erst einmal bewusst ein und aus, bevor Sie es beantworten.


Es ist der Atem, der uns immer wieder zur Ruhe bringen kann. Er ist unser bester Begleiter durch den Alltag. Nutzen Sie die vielen kleinen Stoppstellen des Alltags, die uns normalerweise mit Ungeduld erfüllen, um einen kurzen Achtsamkeitscheck durchzuführen und mit Ihrem Körper Kontakt aufzunehmen: in der U-Bahn, in der Warteschlange am Supermarkt, an der roten Ampel.


Tun Sie nach getaner Arbeit etwas, was Sie wirklich entspannt und was Sie zugleich anregt und glücklich macht. Auch wenn es verführerisch ist, einfach auf dem Sofa liegenzubleiben und den Fernseher anzuschalten, so ist dies wissenschaftlichen Studien zufolge nicht wirklich entspannend. Tun Sie etwas, was Ihrem Körper gut tut, Ihre Seele nährt und Ihren Geist anregt.   

Kannst du uns eine kleine Achtsamkeits-Übung schenken, die man täglich ausüben kann?

Ich selbst schätze ganz besonders eine kleine und sehr wirksame Übung, die sich positiv auf unser Herz und damit unsere gesamte Stimmung auswirkt. Vielleicht wenden Sie diese gleich am Morgen nach dem Aufwachen an. Oder wann immer Sie das Gefühl haben, dass sie Ihnen gut tun würde.


Schließen Sie dafür die Augen, atmen Sie einige Male ruhig ein und aus. Nehmen Sie dann Kontakt mit Ihrem Herzen auf. Stellen Sie sich vor, wie es in Ihrem Brustkorb stetig und kraftvoll schlägt und damit Ihr Leben gewährleistet. Lächeln Sie ihm dankbar zu. Spüren Sie, wie Ihr Herz sich unter Ihrem Lächeln mit Wärme erfüllt. Danken Sie ihm für alles, was es täglich für Sie tut. Vielleicht möchten Sie Ihre Hände dabei auf den Herzbereich legen, und die Wärme intensivieren. Nehmen Sie dieses Herzlächeln mit in Ihren Tag. 

 

Was könntest du uns noch mitgeben, was für dich wichtig ist?

Ich habe mich im vergangenen Jahr auf einen intensiven Weg des Herzens gemacht. Die Erkenntnisse sind in mein aktuelles Buch „Der inneren Stimme des Herzens vertrauen“ eingeflossen. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn wir in Kontakt mit unserem Herzen leben würden und auf dessen Botschaft hören würden.


Fragen Sie sich daher öfters mal: Womit kann ich mein Herz nähren? Was braucht mein Herz? Was tut ihm gut? Was lässt mein Herz höher schlagen. Indem wir uns achtsam unserem Herzen zuwenden und es bewusst öffnen, kommen wir in Kontakt mit unserer tiefsten Sehnsucht und verbinden uns liebevoll mit den Menschen um uns herum.


Wenn wir in intensiven Kontakt mit unserem Herzen leben, erfahren wir das Leben in all seiner Intensität. Wir spüren, was uns gut tut und hüten uns vor den Dingen, die uns ausbrennen und erschöpfen. Und je mehr wir bereit sind, auf unser Herz zu hören, desto erfüllter und freudvoller wird unser Leben.

 

Die Autorin Christa Spannbauer zeigt in ihren Publikationen und Kursen die Alltagstauglichkeit der Weisheitswege aus Ost und West auf. In ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Zen-Meister Willigis Jäger sowie dem Institut für Achtsamkeit und Stressbewältigung erhielt sie tiefe Einblicke und Erfahrungen in die Meditations- und Achtsamkeitspraxis. Gemeinsam mit der Achtsamkeitslehrerin Linda Lehrhaupt verfasste sie das Buch Die Wellen des Lebens reiten. Zu innerer Balance und Ruhe finden. Für ihr aktuelles Buch Der Stimme des Herzens vertrauen beschäftigte sie sich intensiv mit der Heilung des Herzens.

Weitere Infos: www.christa-spannbauer.de